Das historische Nienburg wird lebendig
Das Modell der Festungsstadt ist jetzt im Rathaus-Vestibül zu sehen / 2025 wird Nienburg 1000 Jahre alt
Nienburg/Weser liegt von Minden nicht weit entfernt. Früher, im hohen Mittelalter, war es eine Zwei-Tages-Reise. Minden war ein bedeutender Mittelpunkt im Mittelwesergebiet. Der Legende nach sollen sich hier um 800 n. Chr. Karl der Grosse und Widukind getroffen und Bistum Minden und Stadt Minden gegründet haben. Deutlich vorher wurden bereits das Bistum Pa- derborn und das Reichsstift Corwey gegründet.
Am Sitz des Bischofs in Minden gab es ein Skrip- torium und eine Kanzlei, in der alle Verträge, Schenkungs- und andere Urkunden geschrieben, beurkundet und gesiegelt wurden.
Burchard Christian von Spilcker hat in seinem Artikel „Die Geschichte der Grafen von Wölpe“ in seinem 1. Band von 1827 „Beiträge zur älte- ren deutschen Geschichte“ eine Abschrift des la- teinischen Textes angeführt. Anke Kunze hat den Inhalt folgendermaßen zusammengefasst: „Ein Domherr des Mindener Domes namens Milo hat

Abgesackte Rippe im Schlußsteinbereich (Joch 1)
Unser kleines Museum hinter dicken Mauern

Der Stockturm, Nienburgs ältestes Wahrzeichen, ein Überbleibsel des alten Schlosses der Grafen von Hoya (1250 – 1582)wurde von 1974 1976 vom „Corps Hannoverania“ und dem 1975 gegrün- deten „Verein zur Erhaltung des Stockturmes und anderer unter Denkmalschutz ste­hender Gebäude in Nienburg/Weser e.V. –
Stockturm e.V.“ restauriert. Mit Pachtvertrag vom 13.06.1975 übernahm der Stockturm e.V. den gesamten Stockturm als Pächter von der Stadt Nienburg. Seitdem be­finden sich im 1. Obergeschoss ein Versammlungsraum des „Corps Hannoverania“ und in den darüberliegenden Geschossen 6 Studen­ tenwohnungen.
Die Stadt Nienburg wollte den Erdgeschossraum zunächst selbst nutzen, um dort die Geschichte der Grafen von Hoya darzustellen. Als daraus nichts wurde, er­folgte mit dem 1. Nachtrag zum Pachtvertrag von 1975 die Festschreibung der Nutzung des Erdgeschossraumes durch den Rühmkorffbund. Am 01.01.1978 wurde der Miet- vertrag zwischen Stockturm e.V. und Rühmkorff- bund geschlossen. Als Mietzweck wurde die Nutzung als Museumsraum vereinbart.

Schon im Jahre 1922 wurde vom Rühmkorffbund ein schulgeschichtliches Museum in Nienburg eröffnet. Damals wurden die historischen Stücke im ersten Stockwerk der Baugewerkschule ausgestellt. Einige Stücke wurden im und nach dem Zweiten Weltkrieg gestohlen. Die wert­vollsten Erinnerungen sowie die Fahne des Rühmkorffbundes konnten aber in Sicherheit gebracht werden.
Im Jahre 1950 wurde dann das „Rühmkorff-Stübchen“ in der Langen Straße in „Tante Mariechens Gast- stätte“ mit den Museumsstücken eingerichtet. Als diese 1969 umgebaut und verpachtet werden sollte, wurden die Exponate von Nienburger Rühmkorffern in Verwahrung genommen. Seit Anmietung im Jahre 1978 befinden sie sich nun im Erdgeschossraum des Stockturmes.
Neben einem Lehrbuch aus dem Jahre 1759 über die „Messkunst auf dem Felde“ aus der Zeit vor der Gründung der Baugewerkschule, Kollegbüchern, Zeugnissen, Urkunden, Festschriften, Notenblättern und Bildern aus der Zeit der Schulgründung, Erinnerungsstücken und Medaillen von Schuljubiläen sowie abgetragene Semestermützen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg findet man hier Zeit- zeugen aus der Geschichte des Rühmkorffbundes, der Schule, des Stockturmes sowie anderer Vereine aus dem Umfeld der Schule. Selbst ein Taktstock aus kunst­voll geschnitztem Ebenholz mit Elfen- bein, den der Schulgesangverein um die Jahrhundertwende seinem Dirigenten zum Geschenk machte, ist noch vor­handen. Aber auch die Räumlichkeit selbst mit den bis zu 1,90 m dicken Umfassungs- wänden, den noch sichtbaren Gewölbedurch­brüchen zum ehemali­gen Schloss hin und der Holzkon- struktion lässt die Baukunst des ca. 700 Jahre alten Bauwerks erkennen.
Das Museum ist regelmäßig zum „Tag des offenen Denkmals“ geöffnet. Aber auch zu anderen Zeiten können Vereinsmitglieder und andere Interessierte nach Anmeldung beim Vorstand die Räumlichkeit besichtigen.

”Ich bin die kleine Nienburgerin”
Wir haben es früher häufiger gesungen, das Lied von der kleinen Nienburgerin und dem Calenberger Burn. Unser früherer Chronist, Wilhelm Siebert, berichtete in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts über dieses Lied in den Rühmkorff-Blättern. Dazu brachte er auch eine Aufnahme einer kleinen Nienburgerin, wie sie um 1820 ausgesehen hat. In den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der lustige Wechselgesang zwischen der kleinen Nienburgerin und dem Calenberger Burn auf Veranstaltungen aller Art von den Bundesbrüdern häufig gesungen. Leider ist es nicht populär geworden. In den Schulen wurde das Lied nur wenig gesungen, und selbst im Jahre 1975, als die Stadt ihr 950jähriges Bestehen feierte, war der Wechselgesang nur wenig zu hören. In den folgenden Jahrzehnten drohte das Lied in Vergessenheit zu geraten, obwohl die Personen des Liedes, die sich in dem Gesang selbst vorstellen, charakteristisch sind für die Stadt und ihre Umgebung.
Woher das Lied stammt, ist nicht bekannt. Selbst das Deutsche Volkslieder-Archiv in Freiburg konnte keine Auskunft geben. In einem Liederbuch, das in den zwanziger Jahren erschien, heißt es nur ”aus Niedersachsen”. Über die Melodie wird gesagt, es sei eine Volksweise. Wechselgesänge zwischen zwei gegensätzlichen Personen sind in ganz Deutschland verbreitet; allerdings sind die Melodien und auch die Texte in den einzelnen Ländern recht unterschiedlich. Heute hört man das Lied in Nienburg kaum noch.
Der Wechselgesang zwischen der kleinen Nienburgerin und dem Calenberger Burn ist nicht nur von der Melodie und vom Text her recht interessant, auch in geschichtlicher Hinsicht ist das Lied bemerkenswert. Jahrhunderte lang bestand eine Staatsgrenze zwischen der Grafschaft Hoya und den welfischen Landen, die im Raum Nienburg zwischen der Stadt und dem Dorf Langendamm verlief. Auch später, als die Fürstentümer Lüneburg und Calenberg von Brüdern regiert wurden, änderte sich an der Staatsgrenze nichts; und so standen sich im Nienburger Raum das schöngekleidete Mädchen und der zerlumpte Calenberger Bur gegenüber. Wie schon gesagt, ist über den Textdichter nichts bekannt.

Zum Schluss sei noch bemerkt, dass mancher Student der Baugewerkschule und auch der Fachhochschule ”seine kleine Nienburgerin” nach dem Examen mitgenommen hat.

Hermann Ziegler




Ein Bronze-Denkmal für die Kleine Nienburgerin

1975 wurde die Stadt Nienburg 750 Jahre alt, denn im Jahre 1025 wurde der Ort erstmals urkundlich erwähnt. Für die anstehende Jubiläumsfeier suchte man nach einer Symbolfigur für die Stadt. Da entsann man sich des Liedes von der Kleinen Nienburgerin und meinte, mit der Kleinen Nienburgerin die rechte Figur gefunden zu haben.
Die Stadtverwaltung schrieb deshalb einen Wettbewerb aus, an dem jeder teilnehmen konnte. Das Thema für diese Figur war festgelegt. Es sollte die Kleine Nienburgerin sein. Da wurde gezeichnet, gemalt, gebastelt und geklebt. Über 400 Einsendungen gingen ein. Fast alle Einsenderinnen und Einsender hatten die Kleine Nienburgerin so dargestellt, wie sie sich in dem Lied selbst besingt. Hab so’n kleines Hütchen auf. Hab solch klein Schühchen an mit so viel Schleifchen dran, usw.
Die Jury hatte es sehr schwer, den besten Entwurf zu finden. Nach langen Beratungen erhielt den 1. Preis die Bildhauerin Marianne Bleeke aus Herford für eine Bronze – Statue. Der Rat musste der Auswahl durch die Jury noch zustimmen. Es bedurfte noch heißer Diskussionen, ehe der Rat seine Zustimmung gab, denn die Figur hatte so gar nichts mit der Kleinen Nienburgerin aus dem Lied etwas zu tun. Es gab heftige Auseinandersetzungen, aber schließlich entschied man sich doch für den Entwurf der Bildhauerin.

Am 16. Februar 1975 wurde in der Eingangshalle der Fachhochschule eine Ausstellung aller für den Wettbewerb eingereichten Beiträge eröffnet. Das Modell der Kleinen Nienburgerin stand hervorgehoben in einer gläsernen Vitrine. In der Nacht vom 3. auf den 4. März verschwand das kleine Modell aus der verschlossenen Vitrine. Nach einem anonymen Anruf tauchte wenig später die Figur in einem Schließfach am Bahnhof wieder auf. Wer das Modell gestohlen hatte, und vor allem auch das Motiv, blieb ungeklärt.
Einige Nienburger äußerten 1976 den Wunsch, eine lebensgroße Darstellung der Kleinen Nienburgerin zu bekommen. Die Kosten dafür beliefen sich auf etwa 30 000 DM. Durch Spenden wurde dieses Geld aufgebracht, so dass der Guss der Großplastik beginnen konnte. Nachdem der Rat und die Verwaltung der Stadt den Standort bestimmt hatten, konnte am 5. Mai 1979, um 11.00 Uhr die feierliche Enthüllung stattfinden. Damit hatte die Stadt Nienburg ein neues Denkmal: Die Kleine Nienburgerin.
Nicht alle Nienburger waren mit diesem Denkmal und auch nicht mit dem Standort einverstanden. Aber im Laufe der Zeit haben sie sich damit abgefunden. Es würde zu weit führen, wollte man hier die Gegenargumente aufführen. Die halbnackte Figur hat zu mancherlei Späßen Anlass gegeben. Im Winter trägt sie häufig eine Wollmütze und Handschuhe, manchmal hat man ihr sogar einen BH umgehängt. Eine Symbolfigur, wie man zu Anfang gedacht und gewollt hatte, ist sie nicht geworden. Heute kennen nur noch ältere Nienburger das Lied von der Kleinen Nienburgerin und den Vorgängen um das Bronze – Denkmal hinter dem Posthof.

Hermann Ziegler




Blickpunkt-Serie (Teil 218)
Wohnen in alter Festung
Der Stockturm war einst ein Gefängnis

Nienburg (nis). Es gehört zu den Wahrzeichen Nienburgs. Jeder, der schon einmal einen Spaziergang entlang der Weser unternommen hat, ist an dem alten Gebäude vorbeigekommen, das hinter dem Finanzamt direkt am Weserwall liegt. Hinter dem Nienburger Stockturm verbirgt sich eine lange und bewegte Geschichte. Heute dient das Gebäude zum Wohnen und für gesellige Treffen einer (ehemals) schlagenden Verbindung. Der Turm bildet den Rest der einstigen Wasserburg der Hoyaer Gafen. Die gesamte Anlage bildete innerhalb der Schutzwälle der Stadt Nienburg eine weitere Befestigung und diente ab 1324 als ständige Residenz der Hoyaer Grafen, deren Geschlecht 1582 erlosch. Nach dem 30-jährigen Krieg wurden das Schloss mit seinen Nebengebäuden Schritt für Schritt abgebrochen. Nur der Schlossturm blieb als einziger erhalten. In der Folgezeit diente er der militärischen Nutzung, eine Zeit lang auch als Gefängnis. Die Gefangenen lagen innerhalb des Gebäude “im Stock” – sie waren mit hölzernen Fesseln an der Flucht gehindert. Daher stammt auch die heutige Bezeichnung “Stockturm”. Anlässlich der Feier zum 950-jährigen Bestehen Nienburgs im Jahre 1975 restaurierten die Studentenverbindung “Corps Hannoverania”, der dazu eigens den “Verein zur Erhaltung des Stockturmes und anderer unter Denkmalschutz stehender Gebäude in Nienburg” gegründet hatte, den Turm, den die Verbindung heute nutzt, um Zimmer an Studenten zu vermieten und dort Treffen zu veranstalten. Sie kamen damit überlegungen zuvor, das historische Gebäude abzureißen. Dabei bekamen die Vereinsmitglieder viel Hilfe, sowohl finanzieller und materieller Art, als auch Unterstützung von Architekten, die kostenlos mit Plänen aushalfen, erläutert Barbara Breiding- Voepel, die als Stadtführerin viele ihrer Touren im Stockturm beginnen lässt. Seit dem Ende der Baugewerksschule steht die Wohnung oben im Turm leer. Zuvor hatte sie viele Jahre Studenten als Unterkunft gedient, während eine weitere Wohnung bewohnt ist. Nutznießer des sanierten Turms sind auch Mitglieder des Rühmkorffbundes, die sich dort eingemietet haben und sich in einem der Räume im danach benannten “Rühmkorffstübchen” treffen.


  In alten Büchern
  und Zeitschriften geblättert  


Fallobst

Ausführungsmängel bei der Verwendung von Steinersatzmasse

Steinersatz und Restauriermörtel werden überwiegend zur Restaurierung von Naturstein verwendet. Am Beispiel der Martin-Luther-Kirche in Gütersloh wird aufgezeigt, welche gravierenden Schäden durch Ausführungsmängel entstehen können.

Dipl.-Ing. Ortwin Schwengelbeck, Bielefeld In der ersten Restaurierungsphase nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten die Handwerker meist nach überlieferten Methoden, indem sie schadhafte Natursteine durch gesunden Natur- stein gleicher Herkunft austauschten. In den folgenden Jahrzehnten wurde durch verschärfte Umweltauflagen und strengere Sicherheitsvorschriften der Abbau von Naturstein ständig erschwert, so dass schließlich viele Steinbrüche aufgegeben wurden. Die Herstellerfirmen von Steinersatz und Restauriermörtel erkannten hier bereits sehr früh eine entstehende Marktlücke. Seit Mitte der 60er Jahre haben sich diese Fertigprodukte bei Restaurierungsarbeiten als echte Alternative zu den „klassischen“ Reparaturmethoden durchgesetzt.

Vorgefundene Schäden Nachdem an der Martin-Luther-Kirche in Gütersloh schwerwiegende Gewölbeschäden festgestellt worden waren, wurde vom Landesamt für Denkmalpflege ein Schadenskataster (Auf- listung der Gesamtschäden) vom gesamten Kirchengebäude gefordert. Bei den weitergehenden Untersuchungen erkannte man mit Erschrecken, welche Schäden auch an der äußeren Turmgalerie vorlagen: An vier Fialen wurden aufgerostete Kunststeinbrocken in der Größe eines mittleren Kinderkopfes vorgefunden. Aus Sicherheitsgründen entfernten die Restauratoren diese schadhaften Teile sofort mit Hilfe eines Autokrans. Sie konnten, vergleichbar einer Obsternte, tatsächlich wie „reifes Obst abgepflückt“ werden. Ein stark geschädigter, aufgerosteter Fialenschaft wurde in Einzelteile zerlegt und ebenfalls sofort abgenommen. Die abgeformten, seitlich angefügten Kunststein-Krabben waren mit einem Dübel befestigt worden, womit sie eine zusätzliche Gefahr bedeuteten. Der angetragene Restaurierungsmörtel hatte sich besonders an den Brüstungselementen, aber auch an vielen Fenstergewänden gelöst und war bereits abgewittert. An diesem Beispiel wird deutlich, welche Schäden durch grobe Ausführungsmängel entstehen können. Hinzu kommen die nicht vorhersehbaren Gefahren durch eventuell herabfallende Steinteile.

Wie kam es zu den Ausführungsmängeln?
Bei den vor 25 Jahren durchgeführten Restau- rierungsarbeiten hatte die ausführende Firma zwei äußerst wichtige Vorgaben nicht beachtet. Trotz aller Hinweise durch die Herstellerfirmen von Steinersatz und Restauriermörtel für Bewehrungen und Verankerungen unbedingt Edelstahl (V4A-Stahl) zu verwenden, wurde dieses hier nicht beachtet. Stattdessen verwendeten die Handwerker nur normalen Baustahl. Dieses führte später zu den erheblichen Aufrostungsschäden; durch die kapillare Wasseraufnahme des Steinersatzes, besonders durch Schlagregen, rostete der Baustahl auf und zersprengte durch Volumenvergrößerung das Steinmaterial.
Als zweite wichtige Vorgabe haben die Hand- werker an diesem Objekt vergessen, die zu verwendenden Steinersatz- und Mörtelprodukte auf die Materialkennwerte des vorhandenen Original-Sandsteins (Teutoburger-Wald-Sandstein) einzustellen.
Die Schadensbilder beweisen sehr deutlich, dass die verwendeten Produkte viel zu hart, vermutlich zu zementhaltig, eingestellt waren. An den Stellen, an denen der Restauriermörtel angetragen worden war, wurde er vom Original-Sandstein wieder abgeworfen, oder er blieb als härtere Schale neben dem schneller verwitternden Naturstein stehen.

Schmuckelemente
Erschreckend, welche Ausführungsmängel gerade an den größeren gotischen Schmuckelementen, wie Fialenschäfte mit Krabben, Strebebögen und Kreuzblumen, festgestellt wurden. Diese Architekturteile wurden seinerzeit in Stahlbeton, allerdings auch nur mit normalem Stahl bewehrt, ausgeführt. Die Verankerung erfolgte in ganzer Höhe des Ersatzteiles. Durch ein einbetoniertes Kunststoffdrainrohr wurde zunächst ein Hohlraum geschaffen. Danach wurde beim Versetzen der Teile der durchgehende Anker in das Rohr eingeführt und mit Zementmörtel vergossen. Materialkennwerte
Unter Materialkennwerten versteht man die physikalischen und mechanischen Eigenschaften des jeweiligen Materials.
Das Baustofflabor der Fachhochschule Nienburg hat wichtige Materialkennwerte verschiedener Natursteinmaterialien, bezogen auf das Originalmaterial, ermittelt, dazu auch die eines selbstgemischten Mörtels (alle Kennwerte werden in der Tabelle gegenübergestellt).
Nach den überprüften Eigenschaften könnte laut Tabelle der Nebraer-Sandstein als Ersatzmaterial für den Original-Teutoburger-Wald-Sandstein gewählt werden, wenn auch die Farbe und die Körnung des Ersatzsteines mit dem Originalstein in etwa übereinstimmen. Übrigens: Nach ei- ner Faustregel sollten alle Ersatzmaterialien gegenüber dem Originalmaterial stets „weicher“ eingestellt sein.

Fazit
Die an der Martin-Luther-Kirche vorgefundenen Mängel zeigen, wie wichtig es ist, für solche umfangreichen Arbeiten vorher ein richtiges, fachlich fundiertes Restaurierungskonzept zu erarbeiten.
Wenn alle diese Vorgaben und Kennwerte stimmen, wird man auch bei künftig geplanten Restaurierungsarbeiten wieder Steinersatz und Restaurierungsmörtel verwenden. Die größeren Architekturteile wird man jedoch aus Naturstein ersetzen.



Die Harke“ vom 25. Januar 2015 Fachwerk verbindet

Serie „Architektonische Besonderheiten in der Region“ /Nienburgs Altstadt

Von Michael Duensing
Nienburg. Gäste, aber auch Einheimische, lassen sich immer wieder begeistern von der Attraktivität der Nienburger Altstadt. Sind es doch insbesondere die vielen Fachwerkhäuser, die der Weserstadt eine romantische und nostalgische Ausstrahlung verleihen. Aus diesem Grund ist Nienburg/Weser neben mehr als 100 anderen Städten Mitglied der bundesweiten Initiative „Deutsche Fachwerkstraße“ die eine Länge von insgesamt 2800 Kilometern aufweist und von der Nordsee bis Baden-Württemberg reicht. Sie ist in sechs regionale Strecken unterteilt. Das Motto lautet: „Fachwerk verbindet“. Dieser Leitgedanke, so formulieren es die Verantwortlichen der „Deutschen Fachwerkstraße“, soll die Verbindung der Menschen, die in und mit Fachwerk leben und die diesen Baustil lieben, ausdrücken. Nienburg/Weser gehört zu der so genannten „Grünen Strecke – Von der Elbe bis zum Harz“. Weitere Mitgliedsstädte sind beispielsweise Stadthagen, Northeim, Wernigerode oder Hitzacker. Nienburg wurde 1025 erstmals urkundlich erwähnt. Die historische Altstadt lässt sich optimal auf der „Bärenspur“ erkunden. Natürlich gibt es noch weitere Themen-Touren und öffentliche Führungen. Bei der „Bärenspur“ handelt es sich um einen Rundgang zu 28 Sehenswürdigkeiten. Auf dem Boden aufgemalte weiße Bärentatzen weisen den richtigen Weg. Eine Infobroschüre ist bei der Mittelweser–Touristik GmbH, Tourist-Information Nienburg, Lange Straße 18, sowie im Internet unter www.mittelweser-tourismus.de erhältlich. Entlang der Route sind auch zahlreiche Fachwerkhäuser zu sehen. Die Tour führt beispielsweise zum Posthof, ein ehemaliger Burgmannshof, der bis 1860 eine königliche Poststation an der Strecke Hannover-London war und seit 1977 die Stadtbibliothek beheimatet. Der Fresenhof des Nienburger Museums (erstmalige Erwähnung 1263) ist ebenfalls ein Burg- mannshof, in dem einmal Ritter wohnten. Das Ackerbürgerhaus an der Friedrich-Ludwig-Jahn- straße ist ein um 1500 erbautes Fachwerkgebäude mit damals Wohn- und Wirtschaftsräumen sowie Stallungen für das Vieh und Vorratsräumen. Weitere beeindruckende Fachwerkbauten sind das „Alte Amtshaus“ am Schloßplatz, das Bürgerhaus sowie das Traufenhaus an der Weserstraße, das Thießensche Haus an der Krummen Straße oder das eindrucksvolle Patrizierhaus des Gödeke Schünemann an der Langen Straße/Ecke Weserstraße.

Hintergrund: Die Deutsche Fachwerkstraße“ ist der touristische Zweig der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte e.V. mit mehr als 130 Mitgliedsstädten. Gegründet wurde die Arbeitsgemeinschaft im Jahr 1975. Die Initiative „Deutsche Fachwerkstraße“ gründete sich 1990 und umfasst rund 100 Mitgliedsstädte.
Weitere Informationen sind erhältlich unter www.mittelweser-tourismus.de, www.deutsche-fachwerkstrasse.de und www.fachwerk-arge.de



Die Harke vom 7. Mai 2016 Von der Planung bis zur Enthüllung

Heimathistoriker Siegfried Schmidt spürte der Geschichte des Wilhelm-Busch-Denkmals nach/Teil 1/3

Von Siegfried Schmidt
Schon sehr bald nach dem Ableben von Wilhelm Busch, am 9. Januar 1908 im Pfarrhaus zu Mechtshausen, wo er unter der Obhut seiner Schwester Fanny und der Familie seines Neffen Otto Nöldeke die letzten zehn Lebensjahre ver- bracht hatte, keimte der Wunsch, ihm in seinem Geburts- und Heimatort Wiedensahl ein Denkmal zu errichten.
Die Bezeichnung Heimatort darf an dieser Stelle betont werden, hat er doch den größten Teil seines Lebens dort verbracht und auch die meisten seiner bedeutendsten Werke in Wiedensahl geschaffen. Ob die Anregung zur Errichtung eines Denkmals aus seinem Heimatort kam, ist nicht unbedingt sicher. Doch bereits am 19. Januar 1908 wurde laut Protokoll einer Gemeindeausschusssitzung unter „Verschiedenes“ beschlossen, für den jüngst verstorbenen Mitbürger Wilhelm Busch seitens der Gemeinde einen Platz für die Errichtung eines Denkmals zur Ver- fügung zu stellen. Auch die Bildung eines entsprechenden Komitees soll in Angriff genommen werden. Die Bereitstellung des Grundstücks erfolgte im Jahr 1911 und zwar auf dem Pfarrhof, also auf Kirchengelände. Nach einer überlieferten Erzählung soll dem damaligen Pastor Himstedt ein altes Backhaus, welches dort nahe der Straße stand, nicht gefallen haben, darum stellte er der Gemeinde den Platz zur Verfügung mit der Auflage, das Backhaus zu versetzen. So ist es laut vorliegenden Dokumenten, auch ge- schehen.
Den damaligen Gemeindevätern war bei diesem Deal eine gewisse Cleverness sicher nicht abzusprechen. Von den meisten Gemeindegliedern wurde Busch jedoch kritisch betrachtet. Niemand wusste so recht was er machte und womit er so viel Geld verdienen konnte um sich eine für hiesige Verhältnisse doch angenehme und aufwenbesitz der Behagligkeit? Das kommt davon es ist hinnieden zu vieles viel zu viel verschieden. Der eine fährt Mist, der andere spazieren, das kann ja zu nichts Gutem führen. Das führt wie man sich sagen muss, vielmehr zu mehr und mehr Verdruss. Und selbst wer es auch redlich meint, erwirbt sich selten einen Freund.“ Bei etwas großzügiger Auslegung könnte es auf seine damalige Situation hindeuten. Er war doch laut einer alten Überlieferung zu seiner Wiedensahler Zeit schon der zweitbeste Steuerzahler im damaligen Altkreis Stolzenau. Zu dieser Zeit durfte jeder seine Einkünfte selbst einschätzen und danach entsprechend die Steuern entrichten. Das ist eventuell die Redlichkeit, die er in dem Gedicht anspricht.
Der Wunsch für die Errichtung eines Denkmals kam sicher aus seiner großen, weltweiten Ver- ehrergemeinde.
Nachdem im Frühjahr 1910 eine Ausschreibung in Form von Pressemitteilungen erfolgt war, wurden Bewerbungen von Künstlern und Architekten nahezu aus ganz Deutschland eingereicht. Vielseitige Angebote auch von ausgesprochenen Busch Verehrern waren darunter. Zum Beispiel wollte der Architekt Gustav Albert Grote aus Hannover den Denkmalsentwurf und die Ausführungszeichnungen vollständig gratis liefern. Den Auftrag für die künstlerische Gestaltung erhielt dann letztlich Professor Karl Gundelach aus Hannover. Die Ausführung der Architektur wurde Herrn Otto Lüer, Architekt aus Hannover, übertragen. DieAusführung,einschließlichderbekrönenden Gruppe, Pan mit der Flöte und Eule, erfolgte in gutem, feinkörnigem Muschelkalk, der von den Deutschen Steinwerken C. Vetter AG in Eltmann am Rhein geliefert wurde. Die Durchführung des Projekts wurde ausschließlich aus Spendengeldern finanziert. Öffentliche Gelder wurden zu der Zeit dafür noch nicht zur Verfügung gestellt. Entsprechend schwierig und langwierig gestaltete sich die Unternehmung.
Leider ist aus dem Schriftverkehr nicht ersichtlich, wann der erste Spendenaufruf erfolgt ist. Anlässlich einer Gemeindeausschuss Sitzung am 5. Juli 1908 wird laut Protokoll ein Komitee, welches freiwillige Gaben zu einem Denkmal für den früheren Mitbürger Wilhelm Busch ein- sammelt, gewünscht und auch beschlossen Schließlich wird auch noch beschlossen um vorläufig Gelder für Reklamezwecke zu erhalten, in hiesiger Gemeinde eine Haussammlung zu veranstalten. Ob sie durchgeführt wurde und mit welchem Ergebnis ist nicht bekannt.
Bei einer weiteren Ausschussversammlung, am 11. Dezember 1908, wird ein Beschluss gefasst, bei dem man den Teilnehmern ein gewisses Pensum an Schlitzohrigkeit nicht absprechen kann. Hier der genaue Wortlaut: „Die Gemeindevertretung ist einstimmig dafür, die Unterhaltung des Wilhelm Busch Denkmals zu übernehmen, wenn 25 Prozent der etwa einkommenden Beträge zinslich belegt werden und die Zinsen jährlich von diesen Fonds zur Unterhaltung angewandt werden“.
In der ersten Spendenliste wird ein gewisser von Rappard, Kaufmann aus Minden, mit einer Spende von fünf Mark verzeichnet. Die Spenden bestehen zumeist aus Kleinbeträgen und zwar von 0,50 Mark bis zehn Mark, wobei die meisten Beträge eine Mark nicht überschreiten. Es werden Spender aus Rostock, Dortmund, Hamburg, Leipzig und Hanau verzeichnet, also von Nord nach Süd und Ost nach West. Die Mehrzahl der Spender in dieser Liste kam allerdings aus der näheren Umgebung. Auch eine Spende vom Stammtisch Bulmahn, Gastwirtschaft in Rosenhagen, mit einer Spende von neun Mark steht darin.VermutlichhabendieStammtischbesucher Wilhelm Busch noch aus der Wiedensahler Zeit persönlich gekannt, weil er auf seinen Spaziergängen in der dortigen Gegend gern auf ein Bier bei Bulmahns einkehrte. Ein weiterer Spendenaufruf, der wohl auf die Initiative eines Mannes, auf den ich später noch zu sprechen komme, zurückzuführen ist, trifft auf mehr Resonanz. Die hier eingegangenen Beträge sind wesentlich höher und kommen zu einem großen Teil aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, und hier überwiegend aus Ostdeutschland.
(Fortsetzung folgt)



Als Georgstraße zur Leinstraße wurde

Umbenennung nach dem Tode von Georg V.
Von Heinz Dieter Hische

NIENBURG. Man schrieb in Nienburg das Jahr 1878. Nach dem Tode Georg V., des letzten Regenten des Königreiches Hannover, entschloss sich der Magistrat der Stadt Nienburg, dem Teilstück der Leinstraße, das von der Langen Straße bis zum scharfen Bogen führte, den Namen „Georgstraße“ zu geben. So wollte man die Erinnerung an den beliebten Monarchen wachhalten. Heute wissen nur noch wenige Nienburger, dass die Georgstraße einstmals ein Teilstück der Leinstraße war. Beim Betrachten so einiger Aufnahmen vermag man kaum zu glauben, dass es sich hier um die Georgstraße handelt. Wenn man jedoch genauer hinsieht, kann man am Ende auf der linken Seite noch die beiden Burgmannshöfe entdecken, die hier einst das Bild der Straße bestimmten. Beide Höfe sind in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg abgebrochen worden und haben modernen Geschäftshäusern Platz gemacht.
Wie an der Langen Straße stehen auch hier die meisten Häuser mit dem Giebel zur Straße hin. Die halbkreisförmigen Markisen, die auch heute wieder modern sind, zeigen, dass die Georgstraße damals schon zu eine der führenden Einkaufsstraßen gehörte. Mit diesen Markisen schützten Kaufleute und Handwerker ihre Auslagen hinter den seinerzeitig noch kleinen Auslagen in ihren Schaufenstern. Auf der sonst belebten Straße ist kein Mensch zu sehen, sie halten sich wohl alle in den Häusern auf. Bis Mitte der 70er Jahre waren Lange Straße, Georgstraße und Leinstraße noch die Hauptverkehrsstraßen der Innenstadt. Danach wurden sie zu Fußgängerstraßen und der Straßenverkehr wurde verbannt.




Puzzle-Spiel

Restaurierung gotischer Maßwerkfenster

Das „Herforder Münster“ ist der geschichtliche Ausgangspunkt für die Stadtentwicklung Herfords und auch heute noch Mittelpunkt der Stadt. Die spätromanische Hallenkirche wurde um 1220 erbaut und im 14. und 15. Jahrhundert durch mehrere Anbauten erweitert. Entsprechend dem gotischen Baustil hat man damals große, mehrbahnige Maßwerkfenster eingebaut, die bei der Gesamtrestaurierung des Baudenkmals repariert und ergänzt wurden.
Dipl.-Ing. (FH) Ortwin Schwengelbeck, Bielefeld – ehem. Staatl. Bauamt Detmold

Das Maßwerkfenster wurde besonders an gotischen Kathedralen immer weiter entwickelt. Es besteht aus der sogenannen Maßwerkkrone und den Maßwerkstäben, auch Rippen genannt, welche die einzelnen Fensterbahnen (Lanzen) gliedern. Die Breite einer Fensterbahn entspricht in etwa einer Elle (preußische Elle = 66,7 cm). Die unterschiedlich profilierten Maßwerkstäbe besitzen statische Funktion, da sie den größten Teil der Lasten aus der Maßwerkkrone übernehmen. Im Bereich der nach außen geneigten Fensterbänke – oder Kaffgesimse – werden sie durch gleich profilierte Gewändeaufstände gestützt. Die Übergangsfuge zwischen Maßwerkstäben und Fensterbank darf auf keinen Fall in der Wasserzone der Fensterbank liegen.
Als seitliche Einfassung und Übergang zum kleinteiligen, lebendig wirkenden Bruchsteinmauerwerk der Außenwände besitzen die Maßwerkfenster umlaufend profilierte, vom Steinmetz bearbeitete Werksteinquader, die so genannten Fenstergewände.
Im Bereich der Gewändequader des gotischen Bogens liegt die Maßwerkkrone des Fensters vom Kämpfer bis zum Scheitel in einem schrägen Innenfalz, wodurch in der Kämpferzone ein weiterer Teil der Lasten aus der Maßwerkkrone auf die seitlichen Gewände abgetragen wird. Die statischen Gebäudelasten werden von einem darüber liegenden gemauerten Entlastungsbogen aufgenommen. Das Maßwerkfenster erhält seine Gesamtstabilität durch waagerecht eingebaute Stand- eisen aus Flachstahl 10/40 mm, die vom Kämpfer in einem Höhenabstand von etwa 65 cm nach unten angeordnet werden. Dabei läuft jedes zweite Standeisen vom seitlichen Gewände über die Maßwerkstäbe bis zum gegenüber liegenden Ge- wände durch. Die anderen Standeisen werden im Bereich der Maßwerkstäbe gestoßen.
Erst nach der kraftschlüssigen Verbleiung aller Standeisen erreicht das Fenster die geforderte Stabilität und Standsicherheit. Alle Stahlteile bekommen als Rostschutz eine Spritzverzinkung mit zweimaligem anthrazitfarbenem Deckanstrich. Die Qualität und der architektonische Aussagewert des jeweiligen Maßwerkfensters werden durch die Gestaltungsornamente der Maßwerkkrone bestimmt. Dies betrifft besonders die mehrbahnigen Fenster. Die einzelnen Ornamente bestehen aus geometrischen Figuren, wie Drei- und Vierpässen, Drei- und Vierblättern, Fischblasen oder Dreischneußen. Fast alle Fensterbahnen besitzen als Übergang zum darüber liegenden Maßwerk Kleeblattbogen. Alle Figuren werden über Dreiecke, nach der so genannten Triangulatur konstruiert. Die Fugenschnitte der Maßwerkeinzelteile sollten so angeordnet werden, dass eine ausgewogene Lastabtragung zur Kämpferzone gewährleistet ist. Rein theoretisch müsste die Krone senkrecht, trocken aufgestellt, ohne Schwierigkeiten stehen bleiben. Alle Maßwerkteile werden beim Versetzen kraftschlüssig verbleit, durch unter- schiedliche eingearbeitete Nuten bekommen sie eine bessere Verkrallung untereinander (siehe blaue Kästen, Seite 35 und Seite 37).
Für die Umhüllung der Verbleiung und die Formung des sogenannen „Schwalbennestes“ (Schaffung eines Gießkanals) hat sich Modellierton bewährt. Für die Kalkfuge solle man eine Stärke von etwa 1,0 bis 1,5 cm vorsehen – soweit sollte die Verbleiung von außen zurückliegen. Die Fensterbahnen werden nach den durchgeführten Versetzarbeiten durch individuell gestaltete, verbleite Einzelfelder verglast, die seitlich trocken in den vorgesehenen Steinfalzen liegen. Im Bereich der waagerechten Standeisen werden sie durch Nocken oder Schraubenköpfe gestützt. Jedes verglaste Einzelfeld bekommt zur Stabilisierung Windeisen aus verzinkten, 2/10 mm starken Flacheisen oder, bei historischen Fenstern, etwa 6 mm starke, verzinkte Rundeisen, die durch Haftblei oder Kupferdraht angerödelt werden. Die Windeisen werden auf der verglasten Seite angebracht. Der waagerechte Stoß der Glas-Einzelfelder auf die Standeisen wird mit Deckschienen aus 6/40 mm starkem Flachstahl verkleidet. Die Deckschienen werden mit Leinölkitt aufgedrückt und aufgeschraubt oder bei historischen Fenstern durch kleine Keile angetrieben und dicht verglast. Für eventuell anfallendes Tauwasser sind auf der Fensterbank zwischen den Maßwerkstäben kleine Kupfer- oder Bleirinnen anzuordnen, die das Tauwasser auffangen. Oft sind solche Rinnen auch schon im Sandstein vorgesehen.
Zuletzt müssen die seitlichen Falze mit passend eingefärbtem Kalkmörtel verfugt werden. Fortsetzung folgt!

Fortsetzung:

Reparatur des Ostfensters
Die aus Oberkirchener Sandsteinmaterial bestehende Maßwerkkrone des Ostfensters am Herforder Münster war nach unten abgesackt, es waren erhebliche Verformungen festzustellen. Dazu waren viele Maßwerkteile abgebrochen. Andere Bereiche waren mit bis zu 6 bis 8 cm breiten Zementplomben ausgefüllt. Viele äußere Zonen der Einzelteile schieferten ab. Andere stark geschädigte Bereiche waren mit einer dicken Zementschlämme überstrichen.
Auf Grund dieses Schadensbildes entschied man sich, die gesamte Maßwerkkrone auszubauen und in einer Steinmetzwerkstatt zu restaurieren. Zunächst wurde die vorhandene Verglasung nummeriert und ausgebaut. Danach wurde, ausgehend von der Fensterachse, auf der äußeren Ansichtsfläche ein 30/30-cm-Raster angelegt und durch Einritzungen im Sandsteinmaterial auch über die umschließenden Gewändebereiche hinweg gekennzeichnet. Vorsorglich wurden außerdem Schablonen von der vorhandenen Verglasung abgenommen. Nachdem alle geschädigten Einzelteile durchnummeriert und vorsichtig ausgebaut waren, wurde vor Ort die Formen der umschließenden Bogenlinien und die Anschlüsse zu den Maßwerkstäben auf einer mit Schraubzwingen befestigten Hartfaserplatte abgenommen. Diese stellten nicht zu verändernde Größen dar. Es wurden außerdem alle gotischen Gestaltungsornamente der Maßwerkkrone auf die Platte übertragen.
Die Hartfaserplatte wurde anschließend auf den Fußboden der Werkstatt aufgedübelt. Nach gründlicher Untersuchung der vielen Bruchstellen und Ausbau der Zementplomben an den ausgebauten Einzelteilen entschied man, den verformten „Ist-Zustand“ aufzugeben. Das Maßwerk sollte seine ursprüngliche historische Form zurückerhalten. Veränderungen, die sich bei der vorhandenen Verglasung ergaben, nahm man in Kauf.
Zunächst wurden alle Bruchstellen zusammengefügt und mit Epoxidharz verklebt. Dort, wo Zementplomben vorhanden waren, wurden Sandsteinscheiben eingefügt und ebenfalls verklebt.
Mit einem selbst konstruierten Profilabnehmer wurden alle Profile der Maßwerkeinzelteile abgenommen und auf Schablonit übertragen. Mit diesen Schablonen wurden viele Maßkorrekturen und Verschiebungen erforderlich. Sie wären mit den schweren Steineinzelteilen nicht möglich gewesen. Die gesamte Vorarbeit kann man mit einem „Puzzle-Spiel“ vergleichen. Es bestand die eindeutige denkmalpflegerische Vorgabe, die Original-Maßwerkteile in die ursprüngliche historische Form zurückzuführen.
Nachdem diese Arbeiten abgeschlossen waren, wurden die Einzelteilschablonen auf der vorgenannten Hartfaserplatte befestigt und erneut ganzflächig mit Schablonit abgedeckt. Die Maßwerkkrone wurde erneut durchgezeichnet und als Gesamtschablone aufgetragen. Hierbei wurden jetzt durch übernommene und neue Fugenschnitte die Maßwerkeinzelteile erneut bestimmt.
Jeder einzelne Stein wurde dabei nummeriert. Für die weitere Bearbeitung mussten von der Gesamtschablone wieder Einzelschablonen für die Fertigung der Maßwerkeinzelteile abgenommen werden. Mit der örtlichen Abnahme der Gestaltungsornamente – vor dem Ausbau der Maßwerkkrone – mussten insgesamt vier Schablonisierungsvorgänge durchgeführt werden. Nach dem Restaurierungskonzept, das gemeinsam mit dem Amt für Denkmalpflege in Münster erarbeitet wurde, sollte möglichst viel Original- Steinmaterial mit den historischen Bearbeitungsspuren erhalten bleiben.
Bei allen Vierungen – Mindeststärke 2 cm – wurden die morbiden Sandsteinteile, bis auf das gesunde Kernmaterial, rechtwinkelig und passgenau ausgearbeitet. Die so genannte Naht der Fuge wurde zuvor genau angerissen. Alle Vierungen wurden über Epoxidharz und Dübel aus V4A-Gewindestahl mit den Maßwerkstäben verbunden. Als Steinmaterial wurde, wegen der gleichen Materialkennwerte, ebenfalls Oberkirchener Sandsteinmaterial verwendet. Bei den Klebearbeiten müssen alle Flächen trocken und staubfrei sein. Die Temperaturen sollten nicht unter 10 oC liegen. Bei größeren Klebeflächen wurde das Epoxidharz punktförmig aufgetragen, damit das Steinmaterial ausdiffundieren kann. Einige nicht mehr zu reparierende Maßwerkeinzelteile wurden neu aus Elbsandstein nach den vorgegebenen Profilierungen angefertigt. Zum Schluss wurde auf die gesamte Maßwerkkrone ein kleines Raster von 15/15 cm aufgetragen, damit alle Teile des Fensters erreicht wurden. Dies war für die Versetzarbeiten eine große Hilfe.
Das Gesamtergebnis des restaurierten Ostfensters wurde aus denkmalpflegerischer Sicht positiv bewertet.

Restaurierung des Südfensters
Die Maßwerkkrone dieses Fensters wurde in der Vergangenheit mit anders farbigem Sandsteinmaterial – gelbem Sandstein – repariert, vermutlich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Es war vorgesehen, auch dieses Fenster nach den Vorgaben der Denkmalpflege zu restaurieren. Die Maßwerkkrone wurde ebenfalls ausgebaut und zur Steinmetzwerkstatt transportiert. Der schadhafte und abgängige gelbe Sandstein sollte durch leicht rötliches Material ausgetauscht werden, da dies eine farbliche Annäherung zum Originalstein brachte. Bis auf wenige Einzelstücke wurde an dieser Maßwerkskrone jedoch alles neu angefertigt. Ein Vorgang, den man nicht unbedingt mehr in den Bereich der Denkmalpflege einordnen kann. Insgesamt, besonders aber in gestalterischer Hinsicht, handelt es sich bei diesem Fenster um eine Steinmetzarbeit von sehr hoher Qualität.

Mörtelrezeptur (Glasfalz): RT Raumteil
2 RT Sennesand Körnung 0-1 mm
1 RT Wesersand Körnung 0-2 mm
0,6 RT mehrjährig eingesumpften Fettkalk (Lieferfirma:U. Szeppek, Hohne bei Celle)
0,5 RT Billerbecker Kalk (Lieferfirma: Josef Meyer, Billerbeck)
Dazu Rinderhaare auszupfen und mit Quirl kleine Mörtelmengen untermischen. Der Mörtel ist mit kalkechten Erdfarben (z.B. Terra di Siena) passend zum Sandstein einzufärben (Lieferfirma: Farbmühle Dr. Kremer, Aichstetten)

Ostfenster:
Restaurierungskosten der gesamten Maßwerkkrone einschließlich Aus- und Einbau (nur reine Steinmetzarbeiten) ohne Verglasung und Verfugung:
110.000,- DM

Südfenster:
Restaurierungskosten wie vor beschrieben:
134.000,- DM



Die Königlich Hannoversche Baugewerkschule
Die seit 1831 in Nienburg bestehende “Realschule” war schon kurz nach ihrer Gründung weit über die Grenzen unserer engeren Heimat bekannt und genoss in Fachkreisen einen außerordentlich guten Ruf; und als sich zu Beginn der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die hannoversche Regierung mit dem Gedanken trug, staatliche Anstalten für das Bauwesen mit mehreren Klassen einzurichten, die den Namen “Baugewerkschulen” tragen sollten, war unter den vielen Orten, die sich um eine solche Einrichtung bemühten, auch die Stadt Nienburg. Sie erhielt den Zuschlag, nicht zuletzt deswegen, weil hier schon eine von dem Baurat Quaet-Faslem gegründete “Realschule” bestand, die sich gut bewährt hatte. Obwohl Quaet-Faslem die Einrichtung der neuen Anstalt nicht mehr erlebte – er starb am 5. Juli 1851–, ist er doch als der eigentliche Gründer der Baugewerkschule anzusehen. Sofort nach der Gründung der ersten staatlichen Baugewerkschule im norddeutschen Raum in der Stadt Nienburg im Jahre 1853 wurde mit dem Bau des Schulgebäudes am Nordwall begonnen. Zu Beginn des ersten Semesters war das Schulgebäude noch nicht fertig gestellt; der Unterricht musste deshalb notgedrungen in einem Privathaus abgehalten werden. Als geeignetes Gebäude erwies sich der Fresenhof, der sich damals noch im Besitz der Familie von Cramm befand und auch danach benannt wurde. Hier gab es große Räumlichkeiten, die für den Unterrichtsbetrieb geeignet waren. Wenig später übernahm der Fabrikant und Kaufmann Cabolet den Hof, und bis in die Zeit nach dem letzten Krieg hieß er bei den Nienburgern nur “Cabolets Hof”. Noch heute zeigt der Hof die einstige Geschlossenheit des Burgmannshofes: in der Mitte der lang gestreckte Fachwerkbau des Herrenhauses, an den anderen Seiten die ehemaligen Wirtschaftsgebäude, die aber inzwischen völlig umgebaut worden sind. Die Gebäude zur Straßenseite hin verschwanden schon in den ersten Jahren nach dem Kriege.
Der Fresenhof, wie er heute heißt, ist ein Schulbeispiel hervorragender handwerklicher Kunst. Der Chronist Wilhelm Siebert schrieb einmal darüber: “Die Gartenfront des Herrenhauses mit den seitlichen Erkern und Giebeln zeigt ein prachtvolles Fachwerk deutscher Renaissance. Dieser Bau kann auch heute noch in vielem ein gutes Vorbild sein für handwerkliche Gründlichkeit und Ehrlichkeit, für Zweckmäßigkeit und Schönheit eines Bauwerkes.” Oft sah man in den zwanziger und dreißiger Jahren Studierende der Baugewerkschule vor dem Burgmannshof sitzen, um hier für das Fach “Freihandzeichnen” Detailskizzen anzufertigen, die dann zu Hause liebevoll vollendet wurden. Ob die Zeichner wohl gewußt haben, daß in diesem Hause der erste Unterricht der Baugewerkschule stattgefunden hat?
Leider sind aus dem ersten Jahr des Bestehens der Baugewerkschule keine Unterlagen mehr vorhanden. Für die Geschichte der heutigen Fachhochschule aber ist es doch wichtig, etwas darüber zu erfahren, welches Gebäude in der Stadt die Geburtsstätte der Schule gewesen ist. Erster Direktor der Baugewerkschule war der Landesbaukondukteur Rhien. Ihm zur Seite standen sieben Lehrkräfte. Im Winter 1854 konnte die Schule ihr eigenes Gebäude am Nordwall beziehen. Das Lehrziel sollte in drei Semestern erreicht werden. In einer täglichen Arbeitszeit von elf (!) Stunden, von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr abends mit kurzen Unterbrechungen für die Mahlzeiten, wurde der Unterrichtsstoff vermittelt und wurden die schriftlichen und zeichnerischen Arbeiten erledigt.
Ebenso wie die ehemalige “Realschule”, die es jetzt nicht mehr gab, hatte auch bald die Baugewerkschule im gesamten norddeutschen Raum einen guten Ruf. Die Zahl der Studierenden und der Lehrer nahm deshalb ständig zu. Nach der Annexion des Königreiches Hannover durch Preußen im Jahre 1866 wurde aus der Kgl. Hannoverschen eine Kgl. preußische Baugewerkschule, und damit wurde die Nienburger Anstalt die älteste preußische Baugewerkschule.


RÜCKBLENDE
Am 21. Oktober 1973: Die Sorge, daß Nienburg durch Konzentrationsbestrebungen einmal die Fachhochschule Hannover, Fachbereich Architektur und Bau-Ingenieurwesen verlieren könnte, ist endlich gebannt. Im Hotel “Weserschlößchen” wurden jetzt die Kaufverträge für vier Grundstücke in der unmittelbaren Film-Eck-Nachbarschaft beurkundet, die ausschließlich der Erweiterung der Fachhochschule dienen sollen.


“Blickpunkt” 25.05.2013
Die Spuren der Bollmanns
Was sich vor der Klinik an der Marienstraße tat

Nienburg (hdh). Da ist es wieder ganz deutlich zu erkennen, wie eine Stadt ihr Gesicht verändert: An der Marienstraße, dort wo viele Jahre das Nienburger Krankenhaus stand – das Bollmanns-Krankenhaus – entsteht etwas Neues. Die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren. Nun hat dieser Ort eine Geschichte, die weit über die Zeit der Klinik hinaus reicht. Einst war dort die sogenannte Kinderbewahranstalt beheimatet, die im Frühjahr 1973 einer Erweiterung des Krankenhaus-Komplexes weichen musste. Allerdings haben Klinik und Kinderbewahranstalt eines gemeinsam: Beim mittlerweile abgerissenen Bollmanns Krankenhaus handelt es sich um eine Stiftung des Nienburger Kaufmanns Georg Friedrich Bollmann, die Kinderbewahranstalt wurde von seiner Nichte, der Nienburgerin Marie Werstler, zugleich Namensgeberin der Straße, an der das Krankenhaus im Jahre 1854 errichtet wurde, gestiftet. Einer der Hobbyhistoriker, der sich mit der Geschichte der Familie Bollmann-Werstler beschäftigt hat, ist Heinz-Dieter Hische. Er schreibt unter anderem: “Nur wenige wissen, dass die Marienstraße einst in Würdigung des sozialen Engagements von Bollmanns Nichte Marie Werstler geschah. Für den Neubau einer – am 21. April 1894 bezogenen – Kinderbewahranstalt stellt sie das Kapital zur Verfügung und förderte diese jahrzehntelang.” Marie Werstler starb am 23. November 1938 im Alter von knapp 81 Jahren. Den Abriss der Kinderbewahranstalt im Frühahr 1973 – das Krankenhaus hatte erneut erweitert werden müssen – erlebte sie damit nicht mehr. Überhaupt war die Einrichtung zu diesem Zeitpunkt bereits vom Kankenhaus als Innere Männerabteilung genutzt worden. Hische schreibt weiter: “Nach dem Tode des Vaters im Jahre 1891 erbte Marie den gesamten Nienburger Hausund Grundbesitz sowie die Hälfte des Barvermögens. Dem seit 1880 in Nienburg bestehenden Kinderbewahrungsverein galt Marie Werstlers Zuwendung von Beginn an. Die zweibis sechsjährigen Sprösslinge bedürftiger Familien der arbeitenden Klasse wurden bisher in beengten räumlichen Verhältnissen betreut, und so entschloss sie sich zum Andenken an den Vater, das Kapital für den Bau eines eigenen Gebäudes für die Kinderbewahranstalt zu stiften.”


Nienburger Journal, Ausgabe 8, Oktober 2002
Die Armenpflege-Ordnung
vom 8. November 1854

Nienburg. Der 1774 von dem Nienburger Zimmermeister Kregel für 975 Taler erbaute Rathausturm steht wieder im neuen Gewand auf seinem Platz. Arme Menschen, denen keine oder nur geringe Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhalts zur Verfügung standen, hat es schon immer gegeben. Bereits in den Schriften der Ägypter, der Griechen und der Römer werden sie erwähnt. In den meisten Fällen hatten schwere Schicksalsschläge dazu geführt, dass viele Menschen mittellos dastanden. Da es keinerlei Versicherungen und auch kaum humanitäre Einrichtungen gab, konnten sie nur durch Betteln dem Hungertode entgehen.

Bei uns auf dem Lande lebten in frühren Zeiten die Menschen in Großfamilien; hier verblieben die von Schicksalsschlägen Betroffenen innerhalb der Gemeinschaft und konnten am Erwerbsleben teilnehmen und bekamen weiterhin Unterkunft und Nahrung. Auch die Kinder der armen Leute verblieben auf dem Hof, hatten aber entsprechend ihrem Alter auf dem Hof zu arbeiten.
In den Städten sah das anders aus. Hier gab es kaum Großfamilien, in denen die Armen Zuflucht und Aufnahme fanden. Für die Kirchen und besonders für den Magistrat ergab sich deshalb hier die Aufgabe der Armenbetreuung. In den Archiven de Städte ruhen viele Dokumente, deren Inhalt sich mit den armen Leuten und ihrer Betreuung befassen. Auch die Stadt Nienburg musste sich schon früh mit den armen Leuten und ihrer Betreuung auseinandersetzen. Am 11. März 1833 gab der Magistrat eine Armenpflege-Ordnung heraus, die am 8. November 1854 mit Genehmigung der Königlichen Landdrostei durch eine neue ersetzt wurde. In dieser Ordnung heißt es: “Das Armenwesen der Stadt Nienburg wird durch die dem Magistrat untergeordnetes allgemeines Armen-Collegium verwaltet”. Dieses “Collegium” bestand aus dem Bürgermeister – damals bekleidete Alexander Wilh. Jul. Rasch dieses Amt -, einem Senator und zwei Bürgervorstehern, dazu kam einer der beiden städtischen Geistlichen, der Stadtarzt und drei Armenbezirksvorsteher.
Das Armen-Collegium hatte viele Aufgaben zu erledigen. So mussten die Angehörigen dieser Hilfseinrichtung über die Einnahmen und die Ausgaben genau Buch führen, und sie hatten die für die einzelnen Armen zu erteilende Unterstützung festzulegen. Weiter gehörte zu ihren Aufgaben die Versorgung der kranken Armen und die Aufsicht über die Erziehung und die Unterbringung der armen Kinder. Und schließlich hatten sie sich um die Versorgung der Armen mit Arbeit zu kümmern. Auch die allgemeine Aufsicht über die Armen gehörte zu ihren Aufgaben.
Die Armenpflege-Ordnung enthält noch viele weitere Aufgaben für die Angehörigen des Armen-Collegiums; daraus geht hervor, dass die Stadt Nienburg sich sehr darum bemühte, den Armen zu helfen. Alle Tätigkeiten im Bereich der Armenpflege wurden unentgeltlich ausgeführt. Der § 8 der Armenpflege- Ordnung lautet: “Die Mitglieder des ArmenCollegil erhalten für ihre Bemühungen keine Belohnung. Alle Beschlüsse und Verfügungen in Armensachen werden gebührenund stempelfrei erlassen.”
Die Armen konnten natürlich nur dann Hilfe bekommen, wenn entsprechende finanzielle Mittel vorhanden waren. In der Armenpflege- Ordnung werden viele Möglichkeiten der Geldbeschaffung genannt, dabei wird auch an die Spendenfreudigkeit der Bürgerschaft appelliert. So heißt es im § 17: “Außer den bereits dem Armenfonds überwiesenen Mitteln sind die Beträge des Publikums die hauptsächlichste Quelle, auf welche das Armen- Collegium rechnen muß, falls es in den Stand gesetzt werden soll, eine vollständige und zweckmäßige Armenpflege herbeizuführen.” Und in § 18 wird gesagt: “Es ist zu hoffen, dass jeder Einwohner seiner armen Mitbrüder nach seinem Vermögensstand gern und freiwillig beitragen werde.”
Als 1860 die damals in der Stadt liegenden Soldaten abgezogen und nach Hannover verlegt wurden, stand das auf dem Hornwerk gebaute Militärhospital leer. Die Stadt kaufte das Gebäude und richtete hier ein “Armenhaus” ein. Als “Altersheim” ist es noch vielen Nienburgern bekannt. Die älteren noch arbeitsfähigen Bewohner wurden zum Reinigen der Straßen in der Innenstadt eingesetzt. Jeden Tag konnte man die “Straßenfeger” bei ihrer Arbeit beobachten, wie sie mit Reiserbesen die Gossen kehrten und den Unrat auf einen mitgeführten Pferdewagen warfen.
Auch die Einrichtung des “Armenhauses” zeigt, dass die Stadt Nienburg viel für die Armen getan hat. Viele bedeutende Männer haben sich seinerzeit der Armen angenommen. So trägt die Armenpflege- Ordnung von 1854 die Unterschriften des Bürgermeisters Rasch und der Senatoren Hagedorn, Schmahlfeld, Dörrien und Bernhardt. Das waren alles in der Stadt hochangesehene Männer.
Nachdem im Jahre 1977 das DRK das Alten- Zentrum an der Rühmkorffstraße gebaut hatte, zogen die letzten Bewohner des Altenheims nach hier um. Das ehemalige Militärhospital, in dem viele armen und alte Mitbürger ein Zuhause gefunden hatten, wurde nun mit in den Theaterund Hotelkomplex an der Meerbachmündung eingezogen.
Die städtischen Armenpflegeordnungen wurden in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts aufgehoben und durch gesetzliche Vorgaben der Regierung des Deutschen Reiches ersetzt.
Die Zeiten hatten sich geändert und damit auch der Umgang mit dem Armenwesen.


Nienburger Journal, Ausgabe 8, Oktober 2002
Von Straßen und Plätzen in der Stadt

Der Kasernenplatz
Wenn heute vom Kasernenplatz gesprochen wird, dann vermuten die meisten Nienburger Bürgerinnen und Bürger diesen Platz in der Nähe oder gar auf dem Kasernengelände, auf dem bis vor kurzem englische Soldaten stationiert waren. Aber weit gefehlt! Der kleine Platz vor dem Weserschlösschen hieß vor gut hundert Jahren im Volksmund noch “Kasernenplatz”.
Ebenso wie der Schlossplatz war auch dieser Platz den in Nienburg liegenden hannoverschen Soldaten vorbehalten; hier exerzierten und übten sie. Untergebracht waren sie in der in unmittelbarer Nähe stehenden “Mühlenbaracke”.
Im Jahre 1847 brannte die Kaserne bis auf die Grundmauern nieder. Die Stadt hatte seinerzeit dieses Gebäude unter großen finanziellen Opfern errichten lassen. Der Bau der Kaserne war die Voraussetzung dafür, dass wieder Militär in die Stadt gelegt wurde. Nach dem Brand mussten die Soldaten in Bürgerquartieren untergebracht werden, denn die Stadt hatte keine finanziellen Mittel für einen Neubau. Für die Bürger und auch für die Soldaten war die Unterbringung in Privathäusern recht unbefriedigend. Die in Nienburg stationierten hannoverschen Soldaten wurden deshalb 1860 nach Hannover verlegt.
Seit dieser Zeit wurde der Platz an der Mühlenstraße kaum noch genutzt; im Volksmund aber blieb er der “Kasernenplatz”. An die Jahre, in denen er vom Militär genutzt wurde, erinnert nur noch ein Gebäude an der Seidenbaustraße, hier befand sich einst die Waffenmeisterei. Bald nach dem Brand ließ hier der Pastor Holscher Seidenraupen züchten und deren Kokons verarbeiten. Jahrzehntelang blieb der Platz unbeachtet. Vor einigen Jahren ließ hier die Stadt einige Parkplätze für Personenkraftwagen anlegen. Von hohen Bäumen eingerahmt und von dem 1989 aufgestellten “Wiehernden Hengst” des Künstlers Gerhard Marcks vom Wall abgegrenzt, macht er heute einen recht freundlichen Eindruck.



Nienburger Journal
Nienburg – wie es damals war
Die erste stählerne Brücke von 1903

Die Errichtung der neuen Fußgängerbrücke weckt Erinnerungen an andere Weserübergänge in Nienburg, so auch an die erste stählerne Brücke von 1903.
In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts hatte es sich immer wieder gezeigt, dass die alte, im Jahre 1723 freigegebene steinerne Brücke sowohl für den Straßenverkehr als auch für die Weserschifffahrt ein Hindernis war. Durch die Industriebetriebe in der Nordertorsfeldmark hatte die Zahl der schweren Pferdefuhrwerke ständig zugenommen, und es zeichnete sich damals schon die Motorisierung der Straßenfahrzeuge ab. Mit dem Bau von Ladestellen an der Weser für die chemische Fabrik und die Heyesche Glashütte nahm auch der Schiffsverkehr im Nienburger Bereich zu. Die engen Bogen der steinernen Brücke konnten nur schwer von den Bockschiffen passiert werden, und häufig stießen die Dampfer und Lastkähne gegen die Pfeiler. Eine neue Brücke musste unbedingt gebaut werden. Für die Ratsherren stellte sich deshalb die Frage nach dem Standort. An der Stelle der alten Brücke konnte die neue nicht gebaut werden, denn dann hätte der Verkehr durch die engen Straßen der Stadt geführt werden müssen. Nach langwierigen Debatten entschied man sich für eine Stelle wenige 100 Meter flussabwärts von der alten Brücke.
Im Mai des Jahres 1902 wurden die Arbeiten zum Bau der neuen stählernen Brücke aufgenommen. Im September des folgenden Jahres konnte sie für den Verkehr freigegeben werden. Mit einer Spannweite von 120 Metern überquerte sie in einem eleganten Bogen den Fluss. Sie war, wie der Chronist Wilhelm Siebert berichtete, ein Wahrzeichen deutscher Ingenieurkunst. Ein Bild der Brücke fand auf der Weltausstellung in St.Louis im Jahre 1904 große Beachtung.
Für die Ansichtskartenhersteller war die stählerne Brücke ein beliebtes Motiv, und so gibt es heute noch viele Karten, die die elegante Konstruktion aus dem Jahre 1903 zeigen. Zurückflutende deutsche Truppen sprengten in den letzten Kriegstagen die Brücke; es war ein verzweifelter, höchst überflüssiger Versuch, den Vormarsch der Engländer aufzuhalten. Eine von den Engländern erstellte Behelfsbrücke und wenig später eine neue stählerne Brücke machten den Weserübergang an dieser Stelle wieder möglich.


  Museum Nienburg  


Baugewerkschule nahm Einfluss auf Stadtentwicklung
Beispiel einer hervorragenden Nienburger Lehrkraft: Baukondukteur und Architekt Otto Wilsdorff Im Mittelpunkt der Jahresschlussveranstaltung 2011 des Nienburger Museumsvereins stand wiederum ein anregender Vortrag von Dipl.-Ing. Dr. Ulrich Knufinke aus Braunschweig. Der Referent, bestens bekannt durch seine Forschungen rund um den Nienburger Bausenator Emanuel Bruno Quaet-Faslem (1785-1851), widmete sich in Wort und Bild dem Thema “Nienburg – eine Stadtbildgeschichte”.
Knufinke zeigte an zahlreichen Beispielen im heutigen Stadtbild Wirkungen auf, die von der Nienburger Baugewerkschule/Fachhochschule im Zeichen der Stilrichtungen Historismus und frühe Moderne ausgingen. Diese 1853 gegründete Lehranstalt wurde 2003 – nach 150 Jahren ihres Bestehens – geschlossen.
Vorläufer der Baugewerkschule war Quaet-Faslems 1831 eingerichtete “Realschule”. Sie diente der Weiterbildung junger Handwerksgesellen mit den Schwerpunkten Architekturzeichnen und Entwerfen.
In der Nachfolge vollzog sich die Gründung der “Königlichen Baugewerkschule”, Quaet-Faslem erlebte sie nicht mehr. Sie erfolgte zwei Jahre nach seinem Tod im Jahre 1853.
Ein Blick auf die damalige Zeit: Das 19. Jahrhundert brachte für die Stadt Nienburg tiefgreifende Strukturveränderungen mit sich. 1806 bis 1808 – zur “Franzosenzeit – war die Schleifung der Festungsanlagen erfolgt.
Diese Situation fand Quaet-Faslem vor, als er sich – vermutlich im Jahre 1817 – in Nienburg als Architekt niederließ. Auf ehemaligem Festungsgelände baute er sich 1821 ein Wohnhaus in klassizistischem Stil und setzte damit in Nienburg ein architektonisches Markenzeichen.

Im Vorfeld der ehemaligen Festungsanlagen lag auch das Gelände, das die Stadt 1858 zum Bau des “Bollmanns Krankenhauses” zur Verfügung stellte. Namensgeber Bollmann, ein Nienburger Kaufmann, hatte dafür das Grundkapital gestiftet. Der Entwurf für das Gebäude stammte von dem ersten Direktor der Baugewerkschule, Baurat Robert Friedrich Rhien.
Es sollte sich erweisen, dass Direktor Rhien in den Folgejahren eine glückliche Hand bei der Heranziehung geeigneter Lehrkräfte hatte. Dazu gehörte u.a. der Baukondukteur und Architekt Otto Wilsdorff aus Dresden (1835-1883), der 1857 an die Baugewerkschule kam.
Der Unterricht an der Baugewerkschule fand in den ersten Jahrzehnten nur in den Wintermonaten statt, so dass die Lehrer im Sommerhalbjahr Gelegenheit hatten, sich in praktischer Arbeit zu betätigen. In Nienburg boten sich dazu gute Möglichkeiten.

Da ist zunächst das sogenannte “Bahnhofsfeld” zu nennen. 1847 hatte Nienburg einen Bahnhof erhalten, der in einiger Entfernung zur Altstadt in der Nordertorsfeldmark angelegt wurde. Das davorgelagerte, bis zu den ehemaligen Wallanlagen reichende Gelände war weitgehend unbebaut und harrte der Aufschließung.
Noch weiter im Norden tat sich zu dieser Zeit Beachtliches: Dort entstanden in schneller Folge Fabrikanlagen, eine chemische Fabrik, Düngerfabriken, eine Hautleimfabrik und schließlich zwei Glasfabriken, um die bedeutendsten zu nennen. Nienburg wurde zur Industriestadt.
Hier stoßen wir wieder auf Otto Wilsdorff. Von ihm stammt eine Handzeichnung aus dem Jahre 1869. Sie zeigt die 1857 gegründete chemische Fabrik – die Gebäude der 1865 angelegten Düngerfabrik Klamroth sind dort integriert – aus der Vogelperspektive. Wilsdorff betätigte sich als technischer Berater bei der Entstehung der frühen Fabriken. Nach seinen Plänen entstanden zahlreiche Betriebsgebäude und auch Wohnhäuser.
Wilsdorffs Schaffen war jedoch nie einseitig ausgerichtet. Aus seiner Nienburger Zeit seien das 1872 nach seinen Plänen errichtete Herrenhaus auf dem von Arenstorffschen Rittergut Oyle sowie der Entwurf für einen neugotischen Altar in St. Martin zu Nienburg genannt. Von dem durch die Eheleute Dörrien im Jahre 1869 gestifteten Altar blieben allerdings nach der Renovierung der Kirche 1961/64 nur figürliche Bestandteile erhalten.
Nach 18 Jahren Tätigkeit in Nienburg folgte Wilsdorff einer Berufung zum Stadtbauinspektor und Leiter der Hochbauabteilung des Stadtbauamtes Hannover. In der Landeshauptstadt setzte Wilsdorff sein erfolgreiches Schaffen fort. Zeitweilig war er auch als Leiter der dortigen Gewerbeschule tätig.
Die Errichtung von Schulhäusern und weiterer öffentlicher Gebäude, insbesondere die Beteiligungen an technischen Bauten wie dem Wasserwerk Ricklingen und dem Hochwasserbehälter auf dem Lindener Berg, gehörten zu seinen Aufgaben. Auch das damalige Elefantenhaus im Zoo Hannover entstand nach Wilsdorffs Plänen.
Nur 48-jährig verstarb Wilsdorff 1883 in Hannover. Ein schaffensfroher Mensch, der mit seinen hervorragenden Befähigungen dazu beitrug, die Kunde von dem hohen Niveau der Nienburger Lehranstalt zu seiner Zeit im Lande zu verbreiten.
Hans-Otto Schneegluth


"Blickpunkt" vom 1. Januar 2011
Ein Mann, der Spuren hinterlassen hat
Quaet-Faslem wirkte in Nienburg und darüber hinaus


Nienburg (nis). So beschaulich die Kreisstadt Nienburg heute auch wirkt, so ganz spurlos ging die politische Zeit Napoleon Bonapartes auch an ihr nicht vorbei. Im Todesjahr eben dieses Napoleon Bonapartes (1821) wurde das von Bruno Emanuel Quaet-Faslem geplante repräsentative Wohnhaus für seine Familie am Stadtwall fertiggestellt.

Quaet Faslem kam am 10. November 1785 in Nienburgs heutiger Partnerstadt Dendermonde in Belgien zur Welt, verbrachte allerdings nach dem Ende der französischen Besatzung sein Leben in Deutsch- land, zunächst in Bassum, später bis zu seinem Tode am 2. Juli 1851 in Nienburg. Von dort aus wirkte er über die Grenzen der Stadt hinaus, hinterließ aber auch eine Vielzahl an Gebäuden in der Stadt an der Weser. Bei der Villa handelte es sich um ein steinernes Haus, rot gestrichen, mit Biberschwanz-Ziegeln eingedeckt. "Mit dekorativen Säulenelementen und halbrunden Fenstern versehen. Am Steinhuder Meerbach gelegen, mit einem heute wieder hergestellten schmucken Biedermeier-Garten zum Lustwandeln", erklärt Erwin Adolf, Vorsitzender der Nienburger Bezirksgruppe des Bundes Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB). Bis heute prägen seine Entwürfe große Teile des Nienburger Stadtbilds. "Ihm verdanken wir, dass die Bahnlinie von Hannover über Wunstorf Richtung Bremen nicht – wie erst geplant – über Rethem, sondern über Nienburg geführt wurde. Sehr positiv für die danach rasant einsetzende industrielle Entwicklung unserer Stadt"ü, weiß Adolf. Hinzu kam unter anderem die ehemalige Nienburger Synagoge und die Restaurierung der Martinskirche. "Als im Sommer 1853 die Absicht der hannoverschen Regierung, in Nienburg eine Baugewerk-Schule zu gründen, greifbare Formen annahm, waren seine weitsichtigen Vorarbeiten der Grundstein. Er hatte bereits in seinem Wohnhaus einen gut besuchten Zeichensaal eingerichtet", erinnert der BDB-Vorsitzende. Mit der Eröffnung der Königlich Hannoverschen BaugewerkSchule am 17. Oktober 1853, der ersten im gesamten norddeutschen Raum, an der Quaet-Faslem auch selbst unterrichtete, wurde sein Lebenswerk würdevoll gekrönt. Adolf: "Manch ehemaliger Bauschüler wird sich gern der Zeiten erinnern, in der er die Burschenherrlichkeit in unserer Weserstadt genießen und sein Rüstzeug fürs Leben hier erlernen konnte.” Heute dient das Gebäude am Schlossplatz der niedersächsischen Polizeiakademie. Pünktlich zum 225. Geburtstag Quaet-Faslems am 10. November 2010 wurde in seinem Haus – dem heutigen Nienburger Museum an der Leinstraße – eine Ausstellung über das architektonische Schaffen des "bedeutendsten Nienburgers des 19. Jahrhunderts" mit dem Titel "Ein Architekt des Klassizismus" feierlich eröffnet. Dr. Ulrich Knufinke präsentiert unter anderem ein 252-seitiges Buch über Baumeister QuaetFaslem. Die Ausstellung steht Besuchern noch bis zum 27. März zur Verfügung.



"Die Harke vom 10.10.2001"
Endlich ein Haus für Nienburgs historische Steindenkmäler
Einmalig in Norddeutschland: Gestern Richtfest für Lapidarium im Museumsgarten gefeiert / 180 000-Mark-Projekt soll 2002 vollendet sein

Von Tonka Angheloff

Nienburg. Auf den Tag genau vor einem Monat war Grundsteinlegung, gestern bereits wurde Richtfest gefeiert: Das Lapidarium im Museumsgarten hinter dem Quaet-Faslem-Haus hat Gestalt angenommen, das ab 2002 Nienburgs wertvolle historische Steindenkmäler beherbergen soll. Ein besonderes Richtfest, nicht nur auf Grund dieser Rekord verdächtigen Zeit: ein Richtfest ohne Zimmermann. Denn auf 300 Quadratmetern Fläche präsentiert sich eine nicht übliche Bauweise. Drei Meter hoch misst die Konstruktion aus feuerverzinktem Stahl im Ostbereich des Quaet-Faslem-Hauses. An Stelle des sonst in Aktion tretenden Zimmermanns war deshalb Planer Hans-Jürgen Meyer die Leiter hoch geklettert. Ehe er traditionsgemäß eine Flasche Korn zerschellen ließ, gab er seinen Richtspruch zum Besten und dabei unter anderem: “... die Zimmer und die Fenster fehlen, das lässt sich hier ja nicht verhehlen. Auch Stall und Scheune kann’s nicht sein, das sieht man ohne Scharfblick ein. Kurzum: Man will ein Magazin draus machen, eine Ausstellung für steinerne Sachen...” Dass dies Geld kostet, ließ Museumsvereinsvorsitzender Werner Schaper nicht unerwähnt und - ging auf Spenderfang. Rund 180 000 Mark teuer wird der Bau, für den aus Land Niedersachsen sowie die Stiftung Sparkasse Nienburg je 30 000 Mark geben, 40 000 Mark kommen von der Stadt Nienburg, die Hoya-Diepholz’sche Landschaft schießt als Eigentümerin des Quaet-Faslem- Hauses 20 000 Mark zu, 60 000 Mark trägt der Museumsverein.
Ans Nachbargrundstück anschließend, setzt der Bau im Museumsgarten bereits im Rohzustand einen völlig neuen Akzent. Noch scheinen Sonne, Mond und Sterne durch die Stahlkonstruktion, die bis zur Einweihung 2002 ein so genanntes Shed-Dach decken wird, ein Sägedach aus Holz. Angepasst an die Dachform der Nachbarhäuser, Auflage der Denkmalpflege, soll eine Öffnung im Inneren einen Lichthof schaffen. Im Ostbereich wird die bestehende Zielmauer erhöht. Ansonsten ist das Lapidarium von allen Seiten frei begehbar. Im Inneren trennen drei Stufen zwei auch Rollstuhl geeignete Ebenen, um das zum Meerbach hin abfallende Gelände “abzufangen”.
Auf Grund seines Umfanges und inhaltlicher Vielfalt ein einmaliger Bau in Norddeutschland. Nicht ohne Stolz wies Museumsvereinsvorsitzender Werner Schaper auf diese Tatsache hin, die das Gutachten des Oldenburgischen Museumschefs Professor Dr. Ewald Gäßler untermauert. Quantität, vor allem aber die Qualität der steinernen Zeitzeugen aus Romantik, Renaissance, Barock und 20. Jahrhundert spielen dabei ihre Rolle. Rund 70 behauene historische Sandsteine, vom Taufbecken bis zum Grabstein, von der Sonnenuhr bis hin zum Giebel zierenden Wappenstein zählen zum museumseigenen Inventar.
Gereinigt, restauriert und zum Teil ergänzt, werden sie in Betonfundamenten gesichert, um Langfingern keine Chance zu geben. “Beschriftung kommt hinzu, Forschungsarbeit und Publikationen werden auf Infotafeln dargestellt, ließ Museumschef Dr. Eilert Ommen wissen. Ein Katalog soll folgen.


Beharrlicher Aufbau nach dem totalen Chaos

Nienburg vor 60 Jahren – Fleiß, Beharrlichkeit und Opferwille der Bevölkerung vollbrachten den Neuanfang
Eine stadtgeschichtliche Betrachtung von Hans-Otto Schneegluth

Die Militärregierung ist eingesetzt worden. Jedermann hat unverzüglich und widerspruchslos alle ihre Gesetzgebung und Befehle zu befolgen.
Mit diesen Worten begann eine „Bekanntmachung“ des britischen Militärbefehlshabers, die der Bevölkerung Nienburgs nach der Besetzung der Stadt am 9. April 1945 per Anschlag zur Kenntnis gebracht wurde.
Noch bis zum 8. Mai sollte es indes dauern, bis die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Truppen von den damit von der letzten deutschen Reichsregierung beauftragten Wehrmachtsgeneralen unterzeichnet wurde – der Zweite Weltkrieg war zu Ende.
Sicherlich waren die Nienburger froh, daß ihre Stadt – angesichts der Trümmerberge in vielen großen Städten – den Krieg zwar nicht ohne Schäden, jedoch einigermaßen glimpflich überstanden hatte. Doch sollte es sich alsbald erweisen, welche Schwierigkeiten und Nöte auf sie zukamen.
Bereits am 9. April hatte die Militärregierung den in der braunen Zeit politisch verfolgten und gemaßregelten SPD-Kommunalpolitiker Adolf Hildebrand zum Bürgermeister bestellt. Ein Berg von Problemen türmte sich vor dem ehemaligen Bürgervorsteher und Senator auf.
Dennoch gelang es Hildebrand kraft seiner Persönlichkeit allmählich eine gewisse Vertrauensbasis mit der Besatzungsmacht herzustellen und dadurch Härten bei den die Bevölkerung betreffenden Verordnungen und Verfügungen abzumildern.
170 Wohnhäuser – dazu gehörten ganze Straßenzüge –, Schulen, Banken, Behördenhäuser, Hotels etc., wurden beschlagnahmt. Ehemalige Gefangene, Häftlinge und Fremdarbeiter mussten untergebracht werden. Ab Mitte 1945 ergoss sich ein nicht enden wollender Strom von Flüchtlingen in die Stadt. Im ehemaligen Kriegsgefangenenlager am Ziegelkamp – jetzt „Churchillkamp“ benannt – fanden Tausende notdürftige Unterkunft.
Zählte Nienburg 1939 etwa 12 500 Einwohner, so stieg diese Zahl bis 1946 um etwa 5000 an. Eine 1949 durchgeführte Zählung ergab schließlich die Zahl von 21 765 Einwohnern. Der herrschenden Wohnungsnot war unter diesen Umständen kaum beizukommen.
Als Teil eines demokratischen (Lern)Prozesses setzte die Besatzungsmacht am 1. April 1946 eine „Gemeindeordnung“ in Kraft, der sich erste Nachkriegs-Gemeindewahlen anschlossen. Nach britischem Vorbild kam es zu einer Teilung in der kommunalen Spitze. In Nienburg übernahm Adolf Hildebrand das Amt des Stadtdirektors, als Bürgermeister wurde Robert Hoffmeister gewählt, der jedoch kurze Zeit später aus beruflichen Gründen nach Hannover verzog. An seine Stelle trat Henry Ritzer; aus ähnlicher Veranlassung schied dieser im Oktober 1949 aus dem Amt.
Die Wahl fiel nunmehr auf Fritz Brockmann. Er gehörte bereits dem letzten vor 1933 gewählen Stadtrat an und wurde von den Nationalsozialisten verhaftet und politisch verfolgt.
Stadtdirektor Adolf Hildebrand, der bereits sein 70. Lebensjahr vollendet hatte, strebte den wohlverdienten Ruhestand an. Am 1. Dezember wurde ihm anlässlich seiner Verabschiedung die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen.
Zum neuen Stadtdirektor gewählt wurde der Jurist Dr. Wolfgang Vogler. Nach Kriegsende in Chemnitz u.a. als Syndikus und Leiter des Rechtsamtes der Stadt tätig, nahm er zuletzt eine Position als Leiter der Abteilung Arbeitsrecht des Gewerkschaftsrates der Vereinten Zonen in Frankfurt/M. wahr.
„Die Reichsmark wurde am 21. Juni 1948 ungültig. Die neue Währung, die an ihre Stelle tritt, heißt die Deutsche Mark.“
So verkündete es ein Sprecher der Militärregierung der deutschen Bevölkerung und unterstrich damit die Verantwortung der Alliierten für dieses Gesetz.
Oft konnte man später lesen, dass mit der Auszahlung der „Kopfquote“ von 40 DM (einen Monat später kamen noch einmal 20 DM dazu) alle Deutschen „gleich armoderrggleleicichhrereicichh““ggewesen seien. Eine Legende, wie sich alsbald erweisen sollte, doch das ist eine andere Geschichte. Als Heranwachsender erlebt der Verfasser dieses alles in allem denkwürdige Geschehen und kam aus dem Staunen nicht heraus. Wie von Geisterhand und über Nacht hatten sich die Regale in den Geschäften gefüllt mit Waren, von denen man bisher nur geträumt hatte. Einmal in einen Laden zu gehen, unter den Angeboten auswählen zu können und nicht, wie bisher, mit dem üblichen „Ha‘m wir nicht“ beschieden zu werden, das überstieg nach den langen Kriegsund Nachkriegsjahren unsere Vorstellungskraft.
Man geht jedoch keineswegs fehl, wenn man dem auf die Währungsreform folgenden Jahrzehnt eine herausragende Bedeutung für die Stadtentwicklung zuschreibt. Ohne Zweifel beförderte die nunmehr stable Währung dieses Geschehen.
Der Nachholbedarf war auf allen kommunalen Gebieten riesengroß. Respekt vor der Leistung, die von den Kommunalpolitikern und der Verwaltung in dieser Zeit vollbracht wurde.